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Medien Beiträge über die Pfahlbauten



27.07.2007: Streit um die Baukunst der Pfahlbauer

Jahrzehnte lang waren sich die Archäologen einig: Pfahlbauer lebten in Pfahlbauten auf dem Wasser. Dann entbrannte ein Streit, der bis heute anhält.

Zurzeit sind unsere Vorfahren, die Pfahlbauer, in aller Munde: Was haben sie gegessen, wie sahen sie aus, welche Kleider trugen sie, wie gross waren sie, wie alt wurden sie, wie war das Leben? Keine Frage blieb im Vorfeld der neuen Serie des Schweizer Fernsehens, «Pfahlbauer von Pfyn Steinzeit live», unbeantwortet. Und doch scheiden sich bei einem entscheidenden Punkt noch immer die Geister: Gab es die Pfahlbauten im eigentlichen Sinne überhaupt? Und wenn ja, wo genau standen sie: im Wasser oder an Land? Wie hoch über der Erde oder dem Wasser wurden sie errichtet? Waren sie nicht doch alle ebenerdig?

Erster Fund im Zürichsee

Die Forschungsgeschichte der Pfahlbauer begann im Jahre 1854 mit dem ersten Fund im Zürichsee: Holzpfähle. Auf Grund dieses Fundes waren sich die Archäologen die folgenden knapp 70 Jahre einig: Unsere Vorfahren erstellten ihre Häuser auf Plattformen mit hohen Pfählen im Wasser. An dieser Südseeidylle zweifelte niemand. Bis 1921 neuere Erkenntnisse den deutschen Archäologen Hans Reinerth dazu brachten, das klassische Bild der Pfahlbauten anzuzweifeln. Er war der Meinung, dass die Pfahlbauten nicht auf Pfählen standen, sondern ebenerdig auf dem Boden oder leicht abgehoben am Uferrand. Damit entfachte er einen Streit, der bis heute anhält. Die deutsche Archäologenszene vertrat lange Zeit Reinerths Theorie: Die Häuser auf Stelzen gab es nie. Die Schweizer Forscher hingegen hielten an der alten Theorie fest: Pfahlbauten gehören ins Wasser. Seit den 1950er-Jahren hat sich das Blatt auch in der Schweiz gewendet. Die hartgesottenen Verfechter der Pfahlbauten im Wasser schlossen sich ebenfalls der Theorie der trockenen und ebenerdigen Lebensweise an.
Manche beziehen sich dabei auf ihre eigenen Funde. «Ich habe nie Beweise für eine vom Boden abgehobene Bauweise gefunden», erklärt der stellvertretende Luzerner Kantonsarchäologe Ebbe Nielsen. Bei Ausgrabungen in der Zentralschweiz sei er bis jetzt überall nur auf ebenerdige Häuser ohne Pfähle gestossen. Und zwar durch das ganze Zeitalter der Pfahlbauer von 4300 bis 800 Jahre vor Christus hindurch. Er glaube nur, was er auch sehe.

Fernsehen will die Kurzpfahlversion

Anderer Meinung ist der Archäologe Urs Leuzinger, der die Produktion des Schweizer Fernsehens wissenschaftlich begleitet. Er ist sich sicher, dass die Häuser damals zum Teil auf Pfählen standen. Eine der für die Fernsehproduktion nachgeahmten Bauten steht auf Pfählen von rund 30 Zentimetern, die andere ebenerdig auf dem Boden, beide nahe am Ufer. Die beiden Häuser seien identische Nachahmungen von Funden, die er selbst in Pfyn ausgegraben habe, betont Leuzinger. Der Archäologe glaubt zwar an die Bauweise auf Stelzen, nicht aber an die alte Vorstellung, wonach die Pfahlbauer ihre Häuser so weit ins Wasser bauten, dass sie das ganze Jahr über im Wasser standen: «Elf Monate im Jahr standen die Häuser auf trockenem Untergrund. Nur im Frühling während der Schneeschmelze umflutete das Wasser die kurzen Pfähle.» Bei seltenen Hochwasser- ereignissen sei es vorgekommen, dass die Böden nass wurden, so Leuzinger. Noch einen Schritt weiter geht der Direktor des Pfahlbaumuseums in Unteruhldingen am Bodensee, Gunter Schöbel. Er rekonstruiert die Pfahlbauten sogar bis zu 4 Meter über dem Boden, auch im Wasser. «Es gab eine Art Plattform über dem Wasser. Denn die einzelnen Häuser standen zum Teil so nahe, dass man von einem zum anderen hüpfen konnte.» Damit lässt Schöbel das lange verpönte Bild der so genannten romantischen Phase, die idyllisch gelegenen Siedlungen auf dem Wasser, wieder aufleben.

Beweise für die Lebensform auf dem Wasser liefere heute, so Schöbel, neben archäologischen Befunden auch die Sedimentologie und die Paläobotanik. «An Fundorten, bei denen vor über 5000 Jahren nachweislich Wasser war, mussten die Menschen auf Pfählen über dem Wasser gelebt haben», erklärt Schöbel. Und: «Wo ausschliesslich Wasserpflanzen vorgekommen sind, musste der Boden nass gewesen sein.»

Pfähle wurden «eingerüttelt»

Wenn es die Häuser auf Pfählen im Wasser tatsächlich gab, wie Schöbel behauptet, wie rammten die Pfahlbauer die zum Teil riesigen und schweren Pfähle überhaupt in den Boden? «Mit vereinter Manneskraft und mit Hilfe von Seilen», weiss der Archäologe. «Das haben wir oft nachgemacht, das funktioniert sehr gut.» Falls das Eigengewicht eines Pfahles nicht ausreichte, wurde er in den weichen Schlammboden eingerüttelt. Bis er 2 bis 3 Meter tief im Boden verankert war. Das nächste Ansteigen des Wassers tat sein Übriges, um die Pfähle im Boden zu festigen. Damit legte der Pfahlbauer laut Schöbel das Grundgerüst für seine Stelzenhäuser, die bis zu 15 Jahre hielten. Gebaut wurden die Häuser im Winter bei tiefem Wasserstand.

Darüber, wie die Wände und Zwischenböden erstellt wurden, sind sich eigentlich alle einig, aber beim Dach gehen die Meinungen bereits wieder auseinander: Verwendeten die Pfahlbauer Schilf? Die einen sagen Nein, Schilf habe es damals dort, wo die Häuser gebaut wurden, noch nicht gegeben. Andere sagen, Schilf sei das Beste gewesen und habe als Handelsgut erworben werden können. Und Dritte sagen, die Pfahlbauer hätten Stroh, Gras, Rinden oder Schindeln benutzt. Auch beim Winkel der Dächer herrscht keine Einigkeit. Da das Material nur gebunden und gelegt wurde, das Wasser aber abfliessen musste, kämen Flachdächer aber weniger in Frage. Ob ebenerdige Häuser, Bauten mit hohen oder kurzen Pfählen, an Land oder im Wasser Tatsache bleibt: Der Wasserpegel des Bodensees schwankt saisonal zwischen 2 bis 3 Meter, heute wie damals. Wer also in Ufernähe auf dem Trockenen baute, riskierte, im Sommer mit dem steigenden Wasser überflutet zu werden.

Von Isabelle Fleury
Tages Anzeiger, Zürich, 27.07.2007
     


 
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