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25.05.2007: Die ganze Sippe friert erbärmlich


Acht Wochen lang hausen zwei Familien unter erschwerten Bedingungen in Pfahlhäusern an einem Weiher.

Nach zwei Wochen hatte er von der Steinzeit genug. Ihm knurrte der Magen. Er schlotterte vor Kälte. Und wenn er vor die Tür ging, versank er knöcheltief im Matsch. Tagelang hatte es gegossen, der Regen hatte ihr Dorf in eine Schlammwüste verwandelt. Am Ende sickerte er sogar durch das Schilfdach ihrer Lehmhütte hindurch. Die ganze Sippe fror so erbärmlich, dass das Produktionsteam mit Daunendecken und Plastikplanen aushalf.

Es geht eben auch in der Vergangenheit nichts mehr ohne die Errungenschaften der Gegenwart. Till Burberg (10), hat diesen Tiefpunkt erfolgreich verdrängt. Wenn er heute, zehn Monate später, über die Dreharbeiten für den ARD-Vierteiler „Die Steinzeit - Das Experiment“ spricht, klingt er versöhnlicher: „Einer sagte, morgen wird es bestimmt wieder schön. Und dann wurde es schön.“

Leben wie vor 5000 Jahren: Acht Wochen lang haben sieben Erwachsene und sechs Kinder im Sommer 2006 die Probe aufs Exempel gemacht. Ein Fernsehteam des Südwestrundfunks (SWR) begleitete sie. Die Kameraleute filmten sie dabei, wie sie versuchten, mit Steinen Feuer zu machen. Wie sie Beeren, Kräuter und Holz sammelten und verzweifelt versuchten, Getreide zu mahlen. Ihre Aufmerksamkeit galt insbesondere den Kindern: Wie würde es ihnen ergehen, acht Wochen ohne Computer, ohne Pizzabringdienst, Gummistiefel oder WC?

An der Tür zu Tills Kinderzimmer im hessischen Hundshausen, einem Dorf in der Nähe von Kassel, hängt ein Muff. Ein Schlauch, den man sich über den Kopf ziehen und die Hände hineinstecken kann, wenn man friert. Es ist ein Souvenir an eine Reise, von der der Zehnjährige heute sagt, er würde sie noch ein zweites Mal machen. Nach acht Wochen hätte er gelernt, „dass man auch mit weniger auskommen kann“. Sogar die Erbsensuppe hätte ihm am Ende geschmeckt.

„Living science“ nennt der SWR diese Zeitreise. Nach „Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus“ und „Abenteuer Mittelalter“ ging der Sender diesmal noch weiter in die Geschichte zurück. Und wie bei den vorherigen Projekten zog er Historiker, Mediziner und Psychologen hinzu, um die Zeit so wirklichkeitsnah wie möglich zu rekonstruieren und um die Erfahrungen der Teilnehmer auch wissenschaftlich auszuwerten. Wie gesund ist täglicher Weizenbrei? Oder: Bekam Ötzi Karies?

Mehr als zwei Jahre lang dauerten die Vorbereitungen. Monatelang suchte das Team nach einem geeigneten Ort, fernab von Bundesstraßen, Badeseen und Einflugschneisen. An einem Weiher am Bodensee ließ der SWR drei Pfahlhäuser aus Lehm errichten. „Der Aufwand war dreimal so hoch wie bei einem »Tatort«“, sagt Ausstattungsleiter Peter Förderer.

Am Ende galt es, noch Freiwillige zu finden, die bereit waren, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Unter den 40 Sippen, die es beim Casting in die Endauswahl geschafft hatten, machten zwei befreundete Familien das Rennen. Martin und Claudia Burberg, die im echten Leben eine Töpferwerkstatt betreiben, mit ihren Kindern Till (10), Roman (7), und Mitja (4). Olli Junker-Matthes und Britta Matthes, die mit ihren Kindern Ronja (11), Merlin (9), und Taliesin (5) auf einem Bauernhof leben. Dazu gesellten sich noch der Hartz-IV-Empfänger Ingo Schubert, der Landschaftsgärtner Henning Fenner und die Schneiderin Sophia Peters als „Dorfoma“.

Fragt man Claudia Burberg nach ihrer Motivation, sagt sie: „Wir haben es für die Kinder getan. Sie sollten Geschichte mal hautnah erleben.“ Für den Trip in die Steinzeit brachten Till und seine Geschwister offenbar gute Voraussetzungen mit. Seine Mutter sagt, sie lebten recht bescheiden auf ihrem Bauernhof. Sie hätten die Kinder auch schon häufiger in Indianer-Camps und Schwitzhütten mitgenommen. „Von daher war die Umstellung gar nicht so groß.“ Sie selber stellte dem Sender nur eine Bedingung: Tampons. „Sonst hätte ich mich nicht darauf eingelassen. Wie soll das gehen: Mit Gras und Schilf? Wir hatten ja nur zwei Garnituren zum Wechseln.“

Das Experiment Steinzeit, es endete für sie mit einer erstaunlichen Erkenntnis: „Wir haben länger geschlafen als im richtigen Leben - kurioserweise beinahe synchron.“ Zu elft, aneinandergekuschelt in einer Hütte. Die Steinzeit, eine Schlaftablette? Ein Thriller ist zumindest die erste Folge der ARD-Dokumentation nicht. Man sieht Familie Feuerstein, wie sie staunend über den Set stolpert. Die Dramatik ihrer Situation vermögen die Kameras nur schwer zu vermitteln. Aber vielleicht liegt das auch in der Natur der Zeit. Oder daran, dass das Action-Kino den Menschen im 21. Jahrhundert schon nachhaltig verdorben hat. Till jedenfalls sagt: „Ich fand's boooaaah!“

Die vierteilige Dokumentation„Steinzeit - Das Experiment“ zeigt das Erste am 27. Mai, 21.45 Uhr, am 28. Mai, 21.45 Uhr, am 4. Juni, 21 Uhr und am 11. Juni, 21 Uhr.

Die Steinzeit-Kinder“ heißen drei Folgen, die im Ersten am 26. Mai, 10.30 Uhr und am 28. Mai, 9 Uhr und 9.25 Uhr laufen.

Von Antje Hildebrandt, Kölner Stadtanzeiger 25.05.2007

    Bild: ard