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24.05.07: Der Gute Geist der Steinzeit


Er fällt Bäume mit der Steinaxt und macht Feuer auf 43 Arten. Der Experimental-Archäologe Harm Paulsen brachte den Protagonisten der TV-Doku »Steinzeit - Das Experiment« bei, wie man überleben kann.

Den Feuermacher wird er nicht mehr los. »Das Image klebt mir wie ein Popel an der Backe.« Seit er eine Ausstellung über die Vorläufer des Feuerzeugs machte, wird Harm Paulsen ständig als der Mann präsentiert, der auf 43 Arten Flammen erzeugt. Auch am kommenden Sonntag werden ihn die Fernsehzuschauer erst einmal pusten sehen.

Jetzt sitzt Paulsen in seinem Büro im Schleswiger Museum Schloss Gottorf und muss ständig ans Telefon. Alle wollen etwas von ihm. Denn an Pfingsten startet der ARD-Vierteiler Steinzeit – Das Experiment (27. Mai, 21.45 Uhr im Ersten). Dessen Versuchsanordnung: Sieben Erwachsene und sechs Kinder reisten 5.000 Jahre zurück in die Vergangenheit und mussten dort acht Wochen lang leben wie zu Ötzis Zeiten. Dass dieser Menschenversuch nicht schief ging, ist vor allem Paulsen zu verdanken, dem dienstältesten Experimental-Archäologen Deutschlands. »Er war unser Papi«, sagt Olli Junker-Matthes, einer der Probe-Feuersteins.

Guten Rat durfte er mitbringen. Aber keinen Kessel voller Würstchen

Das glaubt man sofort. Diese Wikingerfrisur! Und die sprudelnde Erzähllust: immer mit »poch, poch«, »baff, baff« untermalt! Der rettet einen aus jeder Notlage! In seinem Büro drängen sich Kisten voller Feuersteine, Hirschgeweihe und Pyritknollen. Auf dem Tisch liegen Pfeile, Beilrohlinge und eine Schublade mit Bernstein. Nur einen Computer gibt es nicht. Auch wenn Paulsen behauptet, mit 62 Jahren die »Knackigkeitsgrenze« überschritten zu haben, steigt er flink auf einen wackligen Stuhl und schließt die Dachluke. »Ich bin weder Professor noch ein Herr Doktor«, sagt er, »wohl aber ein geschätzter Steinzeit-Spezialist in Europa.«

Als solcher ist Paulsen auch im Fernsehen gern gesehen. Am liebsten geht er zur Sendung mit der Maus und zu Löwenzahn. Als der SWR anfragte, zögerte er, weil er fürchtete, es würde eine Art Big-Brother-Dschungelcamp. Doch als sich zeigte, dass die Fernsehleute das Steinzeit-Experiment so wissenschaftlich wie möglich gestalteten, machte er mit und unterwies die Probe-Feuersteins im Steinzeit-Alltag. Er brachte ihnen das Einbaumfahren bei und das Feuermachen (»Nur vier Methoden!«). Als es dann ernst wurde, eilte er, wann immer etwas nicht klappte, als guter Geist der Steinzeit in das kleine Pfahlbaudorf unweit des Bodensees und erteilte Ratschläge. »Einen Kessel Würstchen mitbringen durfte ich allerdings nicht.«

Als Kind entdeckt er im Konversationslexikon seiner Oma archäologische Schautafeln – und ist so begeistert, dass er gleich versucht, im Dorfteich einen Pfahlbau zu errichten. »Schon mit zwölf konnte ich aus Feuerstein Pfeilspitzen schlagen«, erzählt er heute. »Ich hatte eine richtige Huckleberry-Finn-Kindheit.« Trotzdem studiert er nicht Archäologie, sondern lernt Radartechniker als Brotberuf. Vergebens: Die archäologische Leidenschaft lässt ihn nicht los.

Er »schlürft« Bücher haufenweise in sich hinein, organisiert Grabungen, arbeitet ehrenamtlich für Museen. Dann macht ihm Schloss Gottorf ein Stellenangebot. »Als Autodidakt hatte ich es anfangs nicht leicht«, erinnert sich Paulsen. Gerade in jenen Zeiten, als sich die Archäologie noch als Geisteswissenschaft definierte. »Untersuchen hieß da Länge, Dicke, Breite messen, Tabelle machen. Das interessierte mich aber gar nicht«, schimpft er. »Ich will wissen: Warum ist das so? Ich bin neugierig. Ich will begreifen.« Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes.

»Ich sage immer: Geist und Hammer gehören zusammen.« Er will stets herauskriegen, wie etwas funktioniert. »Man hat mir die ›Flucht ins Manuelle‹ vorgeworfen«, erzählt er. Einen Bogen aber nur vermessen, Alter und Holzart bestimmen und ab ins Depot – das ist ihm zu wenig. »Da fange ich erst an.«

Er baut die Waffe nach und schießt damit auf alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Nur so lässt sich herausfinden, wozu der Bogen vor Jahrtausenden taugte. Natürlich hat er auch Ötzis Waffen rekonstruiert. Als der Bozener Pathologe Eduard Egarter-Vigl entdeckte, dass Ötzi einem Mord zum Opfer gefallen war (in der Schulter der Gletschermumie steckte noch die Pfeilspitze), bat er Paulsen zur Probe aufs Exempel. In den Ötztaler Alpen schoss der Experimental-Archäologe – »zack, buff« – auf ein totes Schwein in Ötzis Kleidung, um zu rekonstruieren, wie und von wo aus der tödliche Schuss vor 5300 Jahren abgegeben worden war.

Der gute Geist der Steinzeit

Harm Paulsen ist Experimental-Archäologe und Mitarbeiter des Archäologischen Landesmuseums Schloss Gottorf in Schleswig. Er rekonstruiert Einbäume, Werkzeuge, Waffen und schärft Feuersteinklingen – alles mit den Mitteln der Steinzeit. Paulsen, geboren 1942 in Lübeck, reichte es nie, Bücher zu wälzen oder Funde zu kartieren. Er will die Geschichte leben. In der vierteiligen ARD-Dokumentation »Steinzeit – Das Experiment« steht er der Feuerstein-Sippe auf Probe mit Rat und Tat zur Seite.»Ötzi ist mausetot; der sagt mir nichts mehr. Aber wir können versuchen, seine Gegenstände zum Sprechen zu bringen.« Auch Paulsens Redefluss ist nicht zu stoppen. Er versteht sich als »Anwalt der Dinge«, der sie gegen die »Schreibtischtäter« verteidigen muss, die reine »Kristallkugelarchäologie« betreiben. »Die tun so, als wären sie selbst dabei gewesen, stellen die wildesten Theorien auf und suchen dann nur nach jenen Dingen, die ihre Thesen belegen.«

Paulsen schwört auf den anderen Weg: sich von allen Erwartungen frei machen. Überhaupt sei das ja die Chance des Autodidakten, der nicht dem ausgetrampelten Pfad der akademischen Ausbildung gefolgt ist. »Ich hab mir das alles selbst beigebracht.« Weil er frei experimentiert, findet er Lösungen, auf die andere nicht kommen. Und wenn ein Professor Ötzis Beil als gebrauchsuntauglich und daher als Kultgegenstand taxiert, gießt Paulsen es nach. »Ich hab in 30 Minuten damit eine Eibe abgehauen und dann noch sechs Erlen und sechs Eschen«, erzählt er. »Das Beil ist nicht kaputtgegangen.« Und fügt spöttisch lächelnd hinzu: »Da muss ich wohl einen Fehler gemacht haben.« Harm Paulsen liebt die Rolle des Außenseiters.

Jetzt muss er hinüber ins Museum. Da wird eine kleine Ausstellung zur Fernsehdokumentation aufgebaut. Während er durch die Steinzeit-Abteilung schreitet, starren ihn die Besucher an. Sie tuscheln. Den kennen sie doch! Tatsächlich: Paulsen ist überall zu sehen. Kleine Filme zeigen, wie er mit vollem Bart und im Norwegerpulli mal Bäume fällt, mal Pfeile und Bernsteinschmuck bastelt. Oder wie er acht Mädchen dazu bringt, einen 2,5 Tonnen schweren Findling auf Baumstämmen durch die Gegend zu rollen.

 

Immer wieder bleibt er stehen; er muss doch seine Modelle zeigen: »Ich baue gerne so kleine Welten.« Alle mit Liebe zum Detail. Das Miniaturpfahlbauhaus ist mit Fell ausgelegt, dem Fell eines Maulwurfs, weil es so klein ist. Anderswo flüchtet sich der Fuchs hinters Hügelgrab, während der Jäger mit einer drallen Bäuerin flirtet. Und der Einbaum, der in einem Modell am Ufer liegt, hat in Paulsens Kaffeetasse seine Jungfernfahrt absolviert.

Beim Fernsehexperiment musste er immer ran, wenn es haperte: Die Fischreusen taugten nichts – Paulsen baute einen Fischzaun, in dem sich gleich ein dicker Hecht verfing. Das Bett war zu hart – Paulsen ließ unter dem Fell Fichtenreisig aufschichten: Familie Feuerstein hatte ihr Himmelbett. Und als das Dorf fast in der Sintflut des letzten August abgesoffen wäre, schlug Paulsens Stunde als »Seelenschmied«: »Ich hab die wiederaufgebaut, wenn sie von Würstchen und Pommes träumten, aber eine Pampe essen mussten, mit der man Badezimmerkacheln hätte ankleben können.«

Der Körper ist der gleiche wie damals. Nur die Software ist eine andere

Paulsen zieht es zurück ins Büro. Er will noch einen Faustkeil schlagen. Draußen türmen sich die Wolken in den blauen Himmel, Möwen kreischen. »Hier an der Küste hatten es die Menschen gut«, sagt er. »Die lagen am Strand und schlürften Austern! Wir haben Berge von Aalgräten gefunden.« Anders sah es für die ersten Bauern im Neolithikum aus; für sie war alles Schufterei. Als solche erlebten auch die Fernsehsteinzeitler ihren Ausflug in die Vergangenheit. Der Archäologe ist davon überzeugt, dass wir nicht mehr leben könnten wie damals: »Wir haben zwar die gleiche Hardware, den gleichen Körper. Aber die Software ist eine völlig andere.«

Die Köpfe der Steinzeitmenschen waren voll mit Wissen, das auf jahrtausendealte Erfahrungen zurückging. »Die kannten jede Pflanze; die kannten das Wetter vermutlich besser als unsere Wetterfrösche«, sagt Paulsen. »Und jetzt kommen wir mit unserm Gehirn, das vollgestopft ist mit Computertechnik und anderem für die damalige Welt unnötigem Kram.« Da müssen wir doch scheitern! Gleich in der ersten Folge von Steinzeit – Das Experiment stellt Paulsen deshalb kategorisch fest: »Diese Steinzeit, die wir hier machen, ist keine richtige Steinzeit. Ich nenne das eine Robinson-Crusoe-Steinzeit. Man wird Probleme so lösen, wie man das heute gewohnt ist.«

Aber wozu dann das ganze Experiment? »Wir wollen den Zuschauern zeigen, dass das keine Deppen waren.« Steinzeit gilt als Synonym für primitiv, dreckig, dumm. »Das ist falsch! Alles, was die Menschen damals machten, war für ihre Welt perfekt.« Heute mögen wir uns als Krone der Schöpfung verstehen. »Wenn wir aber in dieser archaischen Welt klarkommen müssten – da ginge uns der Hintern auf Grundeis.«

Im Büro angekommen, sucht er sorgfältig einen Feuersteinbrocken aus und greift zum Schläger aus Geweih. Er dreht und wendet den Stein, setzt schnell die ersten Schläge, die Splitter spritzen umher. »Die Abschläge sind sauscharf, schärfer als Stahl.« Er nimmt ein Stück Leder; der Flint schneidet es wie Butter. »Gerade das Handwerkliche fehlt uns heute.« Das zeigte auch das Fernsehprojekt. Anderthalb Stunden brauchten die Probe-Feuersteins, bis das erste Feuer brannte. Heute macht das Feuerzeug einmal »klick«.

Wäre das Experiment weitergegangen, hätte es ein tragisches Ende genommen, glaubt Paulsen. Die Versuchspersonen kamen ja kaum mit dem Entspelzen des Getreides klar. »Die hätten nicht bis Weihnachten überlebt.« Dabei hatten sie Vorräte, sogar Tiere. »Jeder Steinzeitmensch hätte gesagt: Was für ein Luxus! Warum kommen die denn nicht zurecht? Und die sollen aus der Zukunft sein?«Während Paulsen redet und lacht, arbeitet er unablässig: Der Feuerstein nimmt langsam Mandelform an. »Beim Schlagen – poch, poch – sehe ich das schon vorher, spüre im Bauch, in welchem Winkel ich die Schläge setzen muss – aua!« Ein Splitter hat seinen Finger gestreift. Der blutet. Paulsen stockt und greift dann doch zum Pflaster. »Möchte mich ja nicht einsauen«, sagt er entschuldigend und behaut den Stein dann fertig. »Acheuléen-Kultur, der Wald-und-Wiesen-Faustkeil des Homo erectus.« Stolz hebt er ihn hoch: »Auf zum Mammutjagen!«

Hätte wenigstens Paulsen damals überlebt? »Jau«, sagt er, ohne zu zögern. »Ich habe genügend Tricks auf Lager.« Seit dreißig Jahren lebt er schließlich jeden Sommer für ein paar Wochen im dänischen Hjerl Hede mit Gleichgesinnten im Freilichtmuseum und probt Steinzeit. So hat er es auch zum dänischen Meister im Bogenschießen gebracht. Würde er am liebsten ganz zurück in die Vergangenheit? Er schneidet eine Grimasse. »Auch das werde ich immer wieder gefragt. Aber nein! Ich kenne die Steinzeit viel zu gut und weiß genau: Dort zu leben wäre kein Spaß gewesen.«


Kai Michel,
Die Zeit, 24.05.07
   


 
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